Im Wandel Teil 54

Im Wandel Teil 54

Tero

>>Wann sind wir denn endlich da? Mir tun die Füße so weh <<, Knorz kickt mit dem Fuß einen Stein weg und läuft maulend seiner Mama hinterher.

Kalina dreht sich zu ihm um, bleibt kurz stehen und legt ihm ihren Arm auf die Schulter. Sie ist noch ein wenig dünner geworden, die Haare sind verfilzt und einer ihrer Schuhe hat ein großes Loch. Ihre Kinder sehen nicht besser aus. Das Brot ist gestern Abend zu Ende gegangen. Heute haben sie außer ein paar Wurzeln noch nichts gegessen. Fred hatte ihnen immer wieder gezeigt, wo sie Samen und Wurzeln finden konnten. Aber wenn sie jetzt nicht bald in Verafels angelangten, wusste sie nicht mehr weiter. Aus den zwei, waren fünf Tage geworden, die sie unterwegs waren. Doch Fred hatte heute morgen von, nur noch, ein paar Stunden gesprochen. Er war voraus geflogen, um ein paar Dorfbewohner zu mobilisieren, die ihr und den Kindern entgegen kamen. Check hatte immer wieder Pimperlie getragen. Für den kleinen Kerl war der Weg viel zu anstrengend gewesen, aber er hatte sich weit weniger beschwert, als Knorz. Janu hatte sie sich wie immer um den Bauch gebunden. Das Baby war beunruhigend ruhig. Kein Wunder, sie hatte kaum Milch, die es trinken konnte.

>>Kommt, noch ein paar Schritte. Da vorn, direkt am Bachlauf, scheint ein guter Platz für eine kleine Rast. Und dann müssen wir auch nicht mehr lange laufen. Ihr werdet sehen, heute Abend sitzen wir jeder vor einem großen Teller mit Nudeln <<, allein beim Gedanken daran, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.

Als die kleine Familie am Bach angekommen ist, lassen sich alle erschöpft auf den Boden fallen. Check taucht seine Hände ins Wasser, formt sie zu einer Schale und lässt seine kleine Schwester Seli trinken. Die anderen haben sich im Gras ausgestreckt und nutzen die Zeit, die Augen für eine Weile zuzumachen. Der Weg ist ihnen klar. Sie müssen nur noch dem Bachlauf folgen.

Check, der sich nun auch hingelegt hat, fährt plötzlich hoch. Da ist es wieder. Dieses Heulen, das sie schon öfter gehört haben. Ihm ist kein Lebewesen bekannt, das solche Töne von sich gibt. Sie klingen gruselig und auch irgendwie sehr traurig. Er steht auf und sieht sich um. Dahinten, im Gebüsch, raschelt es. Er schluckt, nimmt all seinen Mut zusammen und geht auf das Gebüsch zu. Im Gehen nimmt er einen Stock auf. Eigentlich gibt es auf Tero nichts, was einem Angst machen sollte. Aber wer wusste schon, was auf Klarox genau vor sich ging und wer so alles nach Tero kam. Er tritt nah an das Gebüsch heran und hebt den Stock. Als er auf das Gebüsch schlagen möchte, ruft plötzlich eine Stimme:

>>Halt mein Sohn. Du willst doch deinen alten Vater nicht schlagen? Wäre ja noch schöner.<<

Die Kinder und Kalina sind erschrocken hochgefahren.

>>Kanter!<<, Kalina´s Stimme zittert. Vor Schreck sind ihr Tränen in die Augen getreten. Fünf Tage Mühen und jetzt stehen sie dem Mann gegenüber, der ihr nur noch Angst macht. Von Liebe und Vertrauen ist nichts mehr vorhanden. Sie stellt sich schützend vor ihre Kinder.

>>Da komme ich nach Hause und freue mich auf meine Ehegattin und meine lieben Kinderlein und dann sagt mir Mauguri, dass sie alle ausgeflogen sind. Weil meine Schwiegermutter sehr krank wäre, was ja nicht unrichtig ist. Sie ist ja schließlich schon seit ein paar Jahren tot. Da erfreut man sich bestimmt nicht bester Gesundheit <<, Kanter sieht schlecht aus. Er hat blutunterlaufene Augen und das Haar hängt ihm fettig ins Gesicht. Die Haut ist wächsern und sehr weiß. Kalina nimmt an, dass bestimmte Zauber auch für einen Zauberer selbst gefährlich waren. Genauso wie Mauguri, hat ihr Mann vor einer Weile mit dem Trinken von Alkohol angefangen. Vielleicht half das Zeug gegen die Schmerzen, die der Kontakt mit Hamsachuan, der dunklen Welt, mit sich brachte. Und diesen Kontakt hatten beide Zauberer vermehrt gehabt. Vielleicht hatte das auch die Veränderung an dem Wesen ihres Mannes bewirkt.

Kanter war immer ein ernster Mann gewesen. Manchmal zu ernst für ihren Geschmack. Er hatte mehr gewollt als andere und hatte sich relativ bald um die Ratsmitgliedschaft bemüht. Sie hatten beide die kargen Berge geliebt, wo man manchmal über Stunden nichts lebendes traf. Aber ihre Herzen hingen an dieser grenzenlosen Weite. Und an ihrem knallbunten Haus, dem man schon von weiten die Fröhlichkeit ansah, mit der Kalina und die Kinder es erfüllten. Wenn ihre Kinder nicht in dieser harten Region Tero´s aufgewachsen wären, hätten sie diese fünf Tage vielleicht nicht überlebt.

>>Mauguri hat ein Zatumi losgelassen. Fast hätte es eines unserer Kinder erwischt. Ich bitte dich, lass uns gehen. Oder komm mit uns und kehre nie wieder zu diesem verfluchten Mauguri zurück <<, sie sieht Kanter bittend an.

Kanter scheint sie gar nicht gehört zu haben. Er herrscht die Kinder an:

>>Packt eure Sachen. Der Ausflug ist hiermit beendet. Was eure Mutter macht, ist mir egal. Ihr kommt mit mir.<<