Als Rosa noch klein war, bemerkte sie es kaum. Doch genau da fing alles an. So oft hatte sie gehört, sie wäre eben nur ein Pferd. Die Brüder waren lauter. Die Schwester immer ganz vorne dran.
Nicht einmal ihren Namen – Rosa Rösli – konnten sich die Leute merken. In der Schule gab es Klassenkameradinnen und Kameraden, die wussten immer alle Antworten. Sie waren beliebt, wurden in jede Mannschaft gewählt. Und Rosa? Selbst die Lehrer vergaßen ihren Namen. Doch sie schlug sich durch. Sie war nicht sonderlich beliebt, aber auch nicht unbeliebt. Sie war halb unsichtbar.
Seit dieser Zeit wusste sie, was sie werden wollte. Mit aller Kraft. Mit ganzem Herzen. Ein Einhorn! Eines, das überall willkommen war und von allen gemocht wurde.
Eines Tages traf sie im magischen Bastelschrank Farin, der gerade dabei war, Blumen für das schwebende Theater zu pflücken. Sie half ihm ein wenig. Er erzählte ihr vom schwebenden Theater und den unterschiedlichen Leuten, die da mitarbeiteten. Jeder dort durfte einfach der sein, der er war.
„Ich will ein Einhorn werden“, sagte Rosa.
„Warum genau?“, fragte Farin.
„Weil Einhörner gesehen werden. Sie werden geliebt, einfach nur, weil sie Einhörner sind.“
„Dann komm mit mir“, sagte Farin. Und so tauchten die zwei bei mir auf.
Ich freute mich über Rosa und darüber, dass sie bei uns mitmachen wollte. Und weil das mit dem Horn für ein Einhorn eigentlich kein großes Problem darstellt, fragten wir Wilma Wunderlich, unsere Kostümbildnerin. Und natürlich wusste sie Rat. Rosa bekam das Stück eines alten Zahnstochers, den Wilma bunt angemalt hatte. Und weil sie manchmal ein wenig wunderlich war (Wilma, nicht Rosa!), bestrich sie den Zahnstocher mit Sekundenkleber und klebte ihn Rosa mitten auf die Stirn. Voilà! Ein Einhorn war geboren.


Nun ist es im magischen Bastelschrank anders als anderswo. Ein bunt angemalter Zahnstocher kann mit ein paar kleinen Funken durchaus zu einem magisches Horn werden. Das weiß man halt vorher nie so genau.
Was für ein wunderschönes Einhorn Rosa nun geworden war! Jeder, dem sie begegnete, wollte sie berühren. Die Leute liefen ihr hinterher, um sich Glück und Glitzer abzuholen. Das hörte gar nicht mehr auf. Wann trifft man schließlich schon einmal ein echtes Einhorn? Und wenn man es trifft, dann muss man das auch ausnutzen.
Ihr glaubt gar nicht, wie viele Haare aus Mähne und Schweif Rosa verlor. Jeder brauchte plötzlich das Haar eines Einhorns. Oder auch zwei. Für die Mutter, eine Nachbarin oder vorsichtshalber gleich noch eins für schlechte Zeiten.
So oft sie auch erklärte, dass sie eigentlich nur ein Pferd sei – niemand hörte ihr zu. Wieder hörte niemand zu. Nur diesmal aus einem ganz anderen Grund.
Als Rosa am Abend traurig neben mir saß, bat ich sie zu erzählen.
„Weil die Leute mich jetzt zwar sehen, aber zuhören tun sie mir wieder nicht“, schluchzte sie. „Und das Schlimmste ist: Wilma hat Sekundenkleber genommen. Jetzt kriege ich das Horn nicht mehr ab.“
„Ach Rosa. Der Kleber hält nicht ewig. Und hier darfst du Einhorn sein oder Pferd. Oder einfach meine Freundin Rosa. Viele sehen nur das Horn. Ich sehe dich.“
