„Nein Paul. Ich will niemanden betrügen, übers Ohr hauen oder über den Tisch ziehen, obwohl ich hier genug Tische habe.“ Delfa steht, die Hände in die Hüften gestemmt, mitten in ihrem Café einem großen, sehr schlanken Mann gegenüber.

Delfa ist nicht klein, aber sie muss weit nach oben sehen, um in Pauls Gesicht zu schauen. Eigentlich hat sie immer das Gefühl, ihn füttern zu müssen. In den Händen hält er einen Block, bereit, jede Kleinigkeit zu notieren.

„Meine verehrteste, beruhige dich. Ich habe nun einmal etwas zu beanstanden und ich bin für die Einhaltung unserer Gesetze verantwortlich. Und hier liegt ja wohl eindeutig ein Verstoß vor“, Paul Peter Wrappich fuchtelt Delfa mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herum.
„Ach? Hat dir mein Rudpuddlbeerentörtchen nicht geschmeckt? Warum hast du es denn dann gegessen?“ Delfa schnauft empört.
„Doch. Natürlich. Ich bin ja auch nicht zum Kontrollieren gekommen. Aber als ich mit dem Essen fertig war, ist mir aufgefallen, dass die Törtchen kleiner sind als noch letzte Woche. Normalerweise brauche ich dreizehn Gabeln, heute nur elf. Also habe ich vorn am Tresen einmal nachgemessen. Deine weltbesten Törtchen hatten letzte Woche noch einen Durchmesser von vierzehn Zentimetern. Und jetzt sind es nur noch zwölf Zentimeter. Das kannst du nicht bestreiten.“
„Das bestreite ich ja auch nicht. Aber das hat auch seinen Grund. Bevor du anfängst, in dein Buch zu schreiben, kannst du doch einfach einmal fragen“, Delfa streicht sich eine Locke aus dem Haar.
Betreten sieht Paul sie an. „Ich habe nur noch nie in der magischen Welt ein Fehlverhalten protokolliert. Es fühlte sich so spannend an. Wenigstens einmal. Ihr habt mir damals versprochen, dass der Job Spaß machen würde. Dass ihr mich trotzdem mögen würdet. Das stimmt beides nicht.“
Auch Delfa ist betroffen. Sie greift nach einem Lappen und wischt den ohnehin sauberen Tisch noch einmal ab. So hatte sie das noch gar nicht gesehen. „Aber hier warst du immer gern gesehen, und das weißt du auch. Sag, hättest du dich wirklich gefreut, wenn ich tatsächlich betrügen würde?“
„Nein. Natürlich nicht. Ganz im Gegenteil. Hier habe ich ja sogar das Gefühl, dass ich ganz gerne gesehen bin. Aber ich wollte zeigen, dass ich meinen Job ernst nehme.“
Delfa schwieg einen Moment. Beim nächsten Treffen aller Bewohner musste sie die Schrankgesetze noch einmal zur Sprache bringen.
„Eigentlich wurden die Gesetze nie geschrieben, weil wir einander misstrauen. Sondern damit wir nicht vergessen, wer wir sein wollen.“
Beide stehen nebeneinander und sehen zum Fenster hinaus. „Was hast du eigentlich vorher gemacht? Oder was würdest du denn gerne machen?“ Delfa ist überrascht, dass sie so wenig über Paul weiß.

Er dreht sich um und greift in den großen Rucksack, den er immer mit sich trägt. Er holt eine kleine Geige heraus. „Ich spiele und ich komponiere.“
Delfa hat Tränen in den Augen. Sie haben aus einem Musiker einen Mann gemacht, der Dinge überprüfen soll, die selbstverständlich sind.
„Weißt du was? Auf diesen Schreck genehmigen wir uns noch zwei Tassen Tee und zwei Rudpuddlbeerentörtchen. Du bist eingeladen.“
Und als sie so dasitzen, wagt Paul doch noch einmal nachzufragen.
Delfa lacht. „Lana, unsere Töpferin hat neue Backformen gebracht. Die sind ein wenig kleiner, weil sie dann mehr davon in den Ofen bringt. Und bevor du fragst…Die Teigmenge ist dieselbe. Und alle anderen Zutaten sind auch gleich geblieben.“
Paul lacht auch. „Weißt du was? Ich bin wirklich ein richtig guter Geiger.“