Eine Geschichte über Familie und Erwachsenwerden im magischen Bastelschrank
„Nicht so hoch! Papa! Nicht so hoch!“ Isobel steht im Garten ihres kleinen Hauses und sieht auf die Schaukel, die im Wind leicht hin und her schwingt. Efeu hat das Gestell fast vollständig umrankt. So lange ist das her und doch fühlt es sich wie gestern an. Sie ist ihrem Papa in die Arme gesprungen. Froh, nicht heruntergefallen zu sein. Sie kann noch das Lachen ihres Vaters hören. Und das Schimpfen ihrer Mama. „Frano, fast wäre sie runtergefallen. Was, wenn sie sich den Arm gebrochen hätte?“
„Dann“, hatte der Vater lachend geantwortet, „hätte ich ihn ihr wieder zusammengehext.“ Noch Wochen danach hatte es Isobel gegruselt. Einen zusammengehexten Arm. Das war bestimmt nicht einfach zu hexen.
Und dann ging ihr Vater wieder auf Reisen. Als Magier des Westens war er viel unterwegs. Meistens im Osten. Sie hatte sich immer vorgestellt, wie er neue Welten entdeckte und allen half, die er da so traf. „Ich mache eigentlich nichts anderes als Mama. Nur woanders in unserer Welt.“ Das hatte er ihr einmal gesagt.
Kräuterhexe und Elster
Sie lebten weiter in dem Häuschen. Kunden gingen täglich ein und aus. Ihre Mutter Isogenie da Wallo war die Kräuterhexe des dunklen Waldes gewesen. Furunkel, Rücken- und Zahnschmerzen… Gegen so vieles gab es ein Kraut. Einen Tee. Ein Lächeln.

Auch der Elster Klothilde hatte sie helfen können. Klothilde war Buchhalterin und konnte die Zahlen nicht mehr erkennen. Die Brille aus Eiskristall war die Lösung, und damit sie hielt, klebte Isogenie sie einfach am Schnabel fest. Mit außerordentlich permanentem Permanentkleber. Und dem strikten Verbot für Isobel, ihn auch nur anzusehen. Geschweige denn, das Töpfchen in die Hände zu nehmen.
Sie hatte auch nur einmal damit geklebt und seitdem saß der Fensterrahmen in ihrem Zimmer bombenfest. Na also.
Es hatte Spaß gemacht, Kräuter zu sammeln und zu trocknen. Ein eigenes Rezeptbuch anzulegen. Seit sie denken konnte, wollte sie auch Kräuterhexe werden. Hatte mit ihrer Freundin Trudi zusammen studiert, Rezepte und Zaubersprüche ausprobiert und für manchen Streich die Schimpfe in Kauf genommen.

Mit sechzehn Jahren wollte Isobel nach Alanatur gehen. Sie hatte Bilder der Stadt in ihrem Zimmer hängen. Dort wurde gezaubert, gehext und die Leute hatten Spaß, waren frei. Hier… kannte sie alles. Langweilig. Die Mutter ließ sie nicht. Also hatte sie sich am Tag der Namensgebung für den Namen ihres Vaters entschieden. Faranzha. Und nicht für da Wallo, den Namen ihrer Mutter. Aber die hatte nur gesagt: „Isobel Faranzha also.“ Sie hatten sich angesehen. Isobel wandte den Blick als Erste ab.
Ihr schlechtes Gewissen hatte sie mit extra viel Arbeit und Mühe beruhigt. Und als sie an einem späten Abend heulend an einem Tee gegen das gefährliche Geldfieber arbeitete, der ihr nicht und nicht gelingen wollte, da…
„Du weißt, wie sehr ich dich liebe?“ Ihre Mutter war hinter sie getreten und hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt. Sie hatten den Tee zusammen fertig gemischt und endlich die richtigen Worte gefunden: „Geld frei, Geld frei. Lebe gut.“ Und wenn es knallte und zischte, musste man die blauen Beeren unter den Tee mischen. Nicht vorher.
Es wurde viel gelacht im Kräuterhexenhaus.
Einer, der es gewagt hatte, ihren Rat nicht anzunehmen und lieber die ‚Kräuterhexe‘ fragen wollte, wurde drei Tage von seiner Frau nicht erkannt und musste in der Scheune schlafen. Manch einer vermied es, sie um Rat zu fragen, wenn ihre Mutter nicht da war.
Trudi und Isobel hatten lange nicht bemerkt, dass die Mutter nicht mehr so laut lachte. Nicht mehr so viel Schwung hatte.
Am Tag, als Isogenie starb, war Frano gekommen. Blass war er ins Haus gestürmt. Hatte die Tür zum Schlafzimmer verschlossen. Ihre Eltern hatten lange miteinander gesprochen. Dann durfte Isobel ins Zimmer.
„Du bist eine gute Hexe, und ich werde immer stolz auf dich sein. Du weißt nie, ob ich dir nicht doch zusehe. Also mach keinen Unsinn.“
Der Kreis derer, die am Grab der Kräuterhexe standen, war riesig gewesen. Die Leute weinten. Und letztendlich mussten Frano und Isobel viele trösten.
„Seid glücklich, sie gekannt zu haben. Seid stolz und… Himmel, jetzt geht nach Hause und esst etwas Gutes. Essen hält Leib und Seele zusammen. Das hat sie euch doch immer gesagt.“
Frano war eine ganze Woche bei ihr geblieben. Aber er musste weiter.
„Ich kann das nicht. Ich bin nicht sie. Ich habe Angst.“
Er sah sie an. „Willst du mit mir kommen? Ich würde mich freuen.“
Aber sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, woanders hinzugehen.
Ihr Vater war wieder aufgebrochen. Nicht ohne zu versprechen, oft vorbeizukommen.
Die Kräuterhexe des dunklen Waldes
Isobel wandte sich langsam dem Haus zu. Da klingelte es am Gartentor. Ein Bauer aus einem Seitental der Bastellberge. Ihr erster Kunde.
„Ach, du bist es. Wo ist denn deine Mutter? Ich brauche wieder diese Salbe für mein altes Leiden. Und den Tee gegen die Schmerzen. Man wird ja auch nicht jünger.“
„Ich bin jetzt die Kräuterhexe des dunklen Waldes.“ Der Mann trat erschrocken zurück. Dann trat er wieder vor und umarmte sie. In der Küche tranken sie erst einmal eine Tasse Tee miteinander. „Ich war übrigens der, der drei Tage aussah wie ein Wolf“, sagte der Mann. Er lachte leise. „Meine Frau war so froh, mich wieder zu haben und das ist bis heute so geblieben.“

„Jetzt bin ich älter“, sagte Isobel.
„Und ich frage die Kräuterhexe um Rat“, sagte der alte Bauer und zwinkerte ihr zu.