Marionettentheater Wuchholzki

Kreuz und Quer Teil 3 (Geschichte aus dem magischen Bastelschrank)

Tische und Stühle sind abgebaut und davongetragen, ein paar Knödel, Brötchen und Törtchen sind noch übrig. Aber nicht mehr lange.

„Sim! Sihim! Wo steckt der Junge denn nur wieder?“ Kurt Wuchholzki packt die Kiste mit den Marionetten zusammen. Liebevoll nimmt er eine nach der anderen in die Hand, legt die Fäden vorsichtig zusammen und wickelt sie in ihr Tuch. Eigentlich hatte er sich erhofft, dass Sim eines Tages in seine Fußstapfen treten würde. Im Moment sieht das nicht so aus.

„Zauberer, mein Sohn, gibt es hier wie Sand am Meer. Davon wirst du nicht reich.“ Das hatte er ihm schon oft erklärt. Sein Sohn gab dann zur Antwort, dass man vom Puppenspielen auch nicht reich würde und immer arbeiten müsse, wenn alle anderen frei hätten.

Oft war ihm dann seine Frau, Sims Mama, zu Hilfe gekommen. „Wir haben ein kleines Haus. Jeder von euch hat ein eigenes Zimmer. Wir essen gut. Wir sind ordentlich angezogen. Es tut mir wirklich leid, dass wir nicht im Schlaraffenland wohnen. Da wäre alles schön und kostenlos. Ich glaube nur nicht, dass es so ein Land gibt.“

Meistens war Sim dann davon gelaufen. Und beim nächsten Mal wieder mitgekommen. Um zu helfen und, wie heute beim Kreuz-und-Quer-Turnier, die sanfte Marie zu führen. Die schönste Marionette im Theater.

Sa und La sehen ihrem Vater beim Aufräumen zu

Sa und La, die beiden Töchter, stehen ehrfürchtig bei ihrem Vater, als er Marie in ihr Tuch schlägt. „Hast du das gesehen, La? Sie hat geblinzelt! Sie hat mir zugeblinzelt.“ Sa hüpft aufgeregt auf einem Bein.

„Es sind Puppen. Die blinzeln nicht.“ La lacht ein wenig verächtlich. Andererseits… so ganz sicher ist sie sich auch nicht. Heute bei der Vorstellung war Marie plötzlich fort gewesen. Sie mussten improvisieren. Das Publikum wurde unruhig. „Wo bleibt die Prinzessin? Zeigt sie uns!“

Sim hatte plötzlich gewusst, dass sie sich unter dem Wagen versteckte. Und als er mit ihr ankam, stolz lächelnd, hatte Vater Wuchholzki ihn ausgeschimpft. „Immer deine Scherze. Nur weil du keine Lust hast mitzuarbeiten. Wenn keiner mehr zusieht, verdienen wir nichts. Nicht in der großen und nicht in unserer kleinen Welt. Noch einmal…“ Sim hatte nicht mehr zugehört, Marie durch die Vorstellung gebracht und war danach verschwunden.

Bim, der Bruder von Sim, Sa und La, hatte Marie noch leise in ihr kleines Ohr geflüstert: „Siehst du, das hast du nun davon. Nur, weil er kein Marionettenspieler werden will. So wirst du ihn nicht überreden.“ Und die Marionette hatte … eine Träne im Augenwinkel gehabt. Aber Marionetten weinen ja nicht.

Das kleine Theater ist abfahrbereit. Mama und Papa Wuchholzki zanken sich ein wenig. „Wir können nicht ohne ihn fahren. Wenn die Tore heute Abend geschlossen werden, kommt er nicht mehr runter. Dann muss er eine ganze Nacht hier auf der Wiese bleiben.“ Sie sieht ihn vorwurfsvoll an. In dem Augenblick laufen Waldemar und Xander an ihnen vorbei.

„Hey! Hallo! Einen Moment!“ Herr Wuchholzki winkt ihnen zu. Als er erklärt, dass er seinen größeren Sohn vermisst, versprechen die zwei sofort, zu helfen. Waldemar läuft links um die große Wiese. Xander rechts herum. Auf dem Weg trifft Waldemar Peter und Lumer und schickt sie ebenfalls auf die Suche.

Lumer und Sim denken nach

Als Lumer an einem kleinen Busch vorbeigeht, wackelt dieser ein wenig. „Oh, wackeln ohne Wind? Das muss Magie sein. Da muss ich gleich eine Falle aufstellen. Freie Magie im magischen Bastelschrank. Das geht ja mal gar nicht. Abra… celeco… Ähm …“

„Halt! Nicht!“ Ein kleiner Junge springt empört aus dem Busch.

„Nanu? Wer bist denn du?“

„Ich bin Sim. Vom Marionettentheater.“

„Da wäre ich gar nicht drauf gekommen. Ich glaube, sie suchen dich. Magst du auf meine Schulter und mir alles erzählen?“

Lumer setzt sich ins Gras, setzt Sim auf seine Schulter und beide sehen ein wenig in die Ferne.

„Sie wollen unbedingt, dass ich ins Marionettengeschäft eintrete.“ Sim findet, dass das ein wenig besser klang als Puppenspieler.

„Und du willst nicht?“

„Ich will die Welt kennenlernen. Auch wenn ich nur ein Kreuzchen bin. Ich will das Meer sehen und die Berge und ich will … zaubern. Ich würde gerne nach Alanatur gehen. Hier ist alles so klein. Kreuzwiesenfeld ist meine Heimat. Aber es gibt doch noch mehr da draußen. Sie glauben mir ja auch nicht, dass die Marionetten ihr eigenes …“ Er hält inne und sagt nichts mehr.

Lumer kaut nachdenklich auf einem Grashalm herum. „Drei ganze Tage und zwei Vormittage arbeite ich in Delfas Café. Es ist schön da, keine Frage. Ich kann jetzt auch ganz toll Herzen auf den Cappuccino machen. Eigentlich bin ich Zauberer. Ich habe mit meinem Bruder zusammen in Alanatur studiert. Aber wenn du keine Aufträge hast, musst du trotzdem einen Weg finden, satt zu werden.“

Sim sieht ihn erstaunt an. Seine ganze Klasse schwärmt von Zegeros Lackienen. Der zaubert sogar im Schlaf. Es gibt Sammelbilder und Alben von ihm. Sim hat sie alle. „Aber Zauberer haben doch alles, was sie sich wünschen können.“

„Das haben wir auch einmal gedacht. Die Magie schützt unsere Welten. Uns alle. Aber satt wird man nicht von ihr. Manche vielleicht.“ Lumer lacht leise, zieht ein Ruddpuddelbeerentörtchen aus seiner Tasche und bietet auch Sim ein Stück an.

Plötzlich steht Waldemar vor ihnen. „Na, da ist ja das verlorene Querchen. Deine Eltern machen sich richtig Sorgen.“ Streng sieht er den Jungen an. Mit Sorgen kennt er sich aus.

Lumer steht auf und langsam wenden sie sich dem Ausgang der Wiese und dem dort wartenden Theater zu. Die Mama schließt ihren Jungen in die Arme. Der Papa steht ein wenig verloren daneben. „Hopp, alle in den Wagen. Wir fahren!“ Dabei drückt er Sim auch kurz an sich. Alle begleiten sie zum großen Tor und langsam bewegt sich der Wagen die Straße hinunter. Das Tor beginnt sich zu schließen. Da ruft Sim: „Wir sind Kreuzchen! Das sieht man doch. Und ich komme euch besuchen!“

Das Theater fährt wieder hinunter in die Stadt Kreuzwiesenfeld

Lumer sieht Waldemar streng an. „Kreuzchen. Das sieht man doch.“