Magie im magischen Bastelschrank
„Ich komme ja schon! Bin gleich da!“ Waldemar läuft die Treppe hinunter und zur Haustür.
„Ich komme!“ Lumer rennt ebenfalls zur Haustür.
Xander und Peter kommen aus dem Studierzimmer. Es läutet Sturm.
„Wer um alles in der Welt hängt denn da an der Glocke? Eine Frechheit ist das“, knurrt Xander.
Waldemar ist der Erste an der Tür und öffnet sie. Hinter ihm gucken die drei Freunde neugierig hinaus. Vor der Tür steht ein Zauberer. Er hat wallendes weißes Haar und einen sehr langen Bart. Unzählige Sterne schimmern auf seinem Mantel. In der einen Hand hält er einen Stab, der mit einer leuchtenden Kugel geschmückt ist. Mit der anderen drückt er auf die Klingel.
Hinter ihm steht eine hübsche, junge Frau. Auf ihrer Schulter sitzt eine Elster.

„Würden Sie die Klingel loslassen? Bitte!“ Waldemar geht energisch einen Schritt nach vorn. Der Zauberer einen zurück, wobei er der jungen Frau auf den Fuß tritt.
„Aua! Manno.“
„Ich dachte, die ist kaputt. Man hört sie ja gar nicht.“
„Man hört sie im Haus. Draußen soll man sie ja nicht hören.“ Waldemar bleibt abwartend stehen.
„Zegeros Lackienen. Wie er leibt, lebt und klingelt. Ich traue meinen Augen nicht.“ Xander sieht spöttisch auf den Mann im wallenden Mantel.
„Xander von Krant. Und immer noch Kater. Woran liegt es denn? Immer noch das alte Leiden?“
Isobel macht einen Schritt zur Seite, lächelt und geht an Zegeros vorbei. „Hallo, hier wohnst du also. Ich kenne dich ja nur vom Café. Da hast du mir nie gesagt, dass du Zauberer bist.“
Lumer lächelt ebenfalls. „Da war ja dein Cappuccino mit Hafermilch und Kakao wichtig. Ja, hier wohnen wir. Das ist Peter, mein Bruder. Xander und Waldemar gehören praktisch zur Familie.“
Waldemar tritt zur Seite, um alle einzulassen. Isobel folgt ihm ins hintere Zimmer, das Studierzimmer. Die anderen ebenfalls. Es steht ein schöner, alter Schreibtisch darin und an jeder Wand befinden sich Bücherregale bis zur Decke hinauf. Vollgefüllt mit Büchern, Alben und Journalen. Ein schwarzer Totenschädel steht auf einer kleinen Säule am Fenster und schaut ernst ins Zimmer. Isobel steuert natürlich prompt darauf zu und streicht dem Schädel über die Stirn. Dann dreht sie sich um. „Der ist ja gar nicht echt. Aus was ist er denn?“

„Wir haben ihn in der Menschenwelt gefunden und mitgenommen. Er hatte eigentlich auch zwei Glaskugeln als Augen. Aber die haben wir verloren. Sie nennen das Plastik. Sie haben ein Fest, aber da fällt mir jetzt der Name nicht ein. Da liegen diese Dinger überall herum. Hallowach oder so. Wir fanden, dass er hier sehr gut hineinpasst. Er wirkt so professionell.“ Lumer grinst Isobel an und sie grinst verständnisvoll zurück.
„Kann ja keiner ahnen, dass eine Hexe reinkommt und ihm übers Hirn streicht“, murmelt Xander.
„Also das ist ja Scharlatanerie. Ein Plastikschädel. Na so etwas. Das habe ich nie gemacht.“ Zegeros streicht sich selbstgefällig über den Bart.
Xander lacht laut. „Du bist der Inbegriff eines Scharlatans. Wegen dir wurde das Wort erfunden.“
Zegeros lässt sich missmutig auf einen der Stühle fallen. Doch dann fragt er: „Ab wann ist man denn ein Gestaltwandler? Dauert so eine Wandlung Sekunden, Minuten oder wie bei dir Jahrzehnte?“
Xander setzt sich neben ihn. Nun sehen beide schlecht gelaunt aus.
„Jetzt hört bitte auf zu streiten. Wir wollten einfach wissen, ob sich hier einer an der Quelle unserer Magie zu schaffen macht. Aber das ist ja nicht so.“ Peter ist die Erleichterung anzusehen.
Lumer steht neben ihm. „Die Familie Wuchholzki ist so glücklich nach Hause gefahren. Sim glaubt immer noch, dass Lackienen einen Zauber gewirkt hat. Wenn die Leute auch nur anfangen zu glauben, dass einer von uns Leben erschaffen kann, wäre das fatal. Wir können kein Leben erschaffen. Keiner von uns.“
„Also, ich sage einfach, dass überraschenderweise eine Marionette lebendig geworden ist und ich wegen dringender Geschäfte weg musste und mich nicht mehr darum kümmern konnte.“ Zegeros sieht Peter und Lumer hoffnungsvoll an.
„Lustig. Das hast du ihm gestern noch geraten“, krächzt Kloe laut genug, um von allen gehört zu werden.
„Warum hast du denn überhaupt gesagt, dass du Marie hast lebendig werden lassen?“, fragt Xander.
„Das habe ich gar nicht. Ich habe nur nicht gesagt, dass ich es nicht war. Das Kind hat sich doch so gefreut. Man muss eben wissen, wann man etwas für sich beanspruchen kann.“
„Aber das war doch nicht der Grund, warum wir einmal nach Alanatur gegangen sind, oder? Um etwas für uns zu beanspruchen?“ Xander sieht ihn nachdenklich an.
„Nein. Damals wollten wir etwas bewirken. Wir wollten unsere Welt beschützen. Und dann hattest du diesen Unfall. Und keiner konnte helfen. Ist ja nicht so, dass man es nicht versucht hätte. Ich mochte dich nicht. Aber das war ein Schicksal, das ich dir nicht gewünscht habe. Für immer Kater. Himmel. Letztendlich haben wir beide den Job an der Uni nicht bekommen. Du nicht, weil ein Professor in Katzengestalt eher eine Lachnummer ist. Ich nicht, weil ich Magie und ihre Auswirkungen immer erkenne. Sie haben uns nicht vertraut. Grundlos! Da habe ich mein Geschäftsmodell entwickelt.“
Waldemar kratzt sich nachdenklich am Ohr. „Du hast dich gut verkauft, Zegeros. Bist ja oft in der Zeitung. Das machst du mit deiner Fähigkeit, oder?“
Zegeros nickt schwach. „Ich sehe voraus, was passieren wird und stelle mich an die richtige Stelle.“
„Da steht er dann und stellt die Rechnung“, sagt Isobel lachend.
„Ich brauche ein großes Haus und genug Geld, um mir das zu kaufen, was ich haben möchte. Ich will auf der Straße erkannt und bewundert werden. Ich will nicht in einem Café bedienen wie du, Lumer. Ich will bedient werden. Der Schutz unserer Welt bedeutet den Leuten wenig. Das setzen sie voraus. Dass es Zauberer gibt, die aufpassen, das will doch niemand so genau wissen. Aber wenn etwas für sie gezaubert wird, das lassen sie sich etwas kosten.“
„Und warum bist du eigentlich auf der Flucht?“ Das will Waldemar wissen.
„Weil vor meinem Haus Leute warten. Sie haben… Anliegen.“ Zegeros hebt beunruhigt die Schultern.
„Stimmt, ich bin vorbeigegangen und da waren Leute. Sie wollten in deine Sprechstunde. Dein schlechtes Gewissen war umsonst, großer Zauberer. Ich habe übrigens einige zu uns gebracht und wir haben ein paar Aufträge bekommen.“ Lumer lacht fröhlich.
„Hach. Das ist doch… Das ist doch…“ Zegeros ist erbost aufgestanden. Er sieht in die Gesichter um ihn herum. Und setzt sich wieder.
Nun sitzen alle da und hängen ihren Gedanken nach.
Plötzlich fangen die Augen des schwarzen Totenschädels am Fenster an zu leuchten. „Schützt ihr mich, dann schütz ich euch.“ Mehr sagt er nicht.
