Marie sieht aus dem Fenster

Marie

„Wo ist denn meine Schokolade? Und warum seid ihr jetzt zu viert? Hier kann man auch nichts geheim halten.“

Die Kinder stehen um die offene Marionettenkiste herum. Marie sitzt am Rand und… hat Hunger.

Das sieht man ihr an und man hört ganz leise ihren Magen knurren.

Sa holt die versprochene Schokolade aus ihrer Tasche und La hat einen Fingerhut mit Wasser mitgebracht. Ohne etwas zu verschütten, versteht sich. Marie beißt ein großes Stück der Schokolade ab und trinkt danach einen Schluck Wasser. Sie sieht schon viel zufriedener aus.

„Eigentlich solltest du lieber Eintopf mit Fleischbällchen essen. Das ist gesünder.“ Wie viel verträgt so ein kleiner Bauch? Und wie viel davon darf Schokolade sein? Nachdenklich streicht sich Sa über ihren eigenen Bauch. Da war heute auch zu viel Schokolade drin und sie hatte Bauchschmerzen.

Doch Marie macht sich da überhaupt keine Sorgen. Bis vor wenigen Tagen hat sie gar nichts gegessen. Nie. Jetzt hat sich das geändert.

„Ich könnte doch heute Nacht bei Euch schlafen? Hier im Keller ist es so unheimlich. Selbst die kleinen Spinnchen dort hinten reden über mich.“

„Du hörst Spinnen sprechen? Iiiiii!“ La springt auf und sieht sich erschrocken um.

„Jetzt lachen sie über dich. Du musst keine Angst vor ihnen haben. Sie sind eigentlich ganz nett. Aber im Dunkeln ist es hier wirklich nicht schön. Dauernd raschelt es und ich friere.“

Das gibt den Ausschlag. Die Kinder beratschlagen, wie sie Marie ungesehen in das Zimmer von Sa bringen können. Las Zimmer ist zu nah am Elternschlafzimmer. Und bei den Jungs, ein Stockwerk weiter oben, will Marie nicht schlafen. La macht den Anfang und läuft hinauf in ihr Zimmer. Sie will noch ein Tuch suchen, das Marie als Decke dienen kann. Außerdem hat sie ein Puppenhaus in ihrem Zimmer. Vielleicht ist das Bettchen darin groß genug.

Als sich aus Küche und Wohnzimmer nichts rührt, bildet Bim die Vorhut und läuft nach oben. Dann folgt Sa, die auch Marie trägt, und Sim läuft am Schluss. Er ärgert sich, dass die Mädchen keinen Anschleichkurs gemacht haben. Wenn die Eltern das nicht mitbekommen, müsste es ja…..

Sa und Sim schleichen mit Marie die Treppe hinaus. Doch die Küchentür öffnet sich schon.

„Oh, geht ihr doch schon ins Bett? Habt ihr gestritten?“ Mama steht in der offenen Tür und sieht hinaus. Was sie sieht, ist Sim und vor ihm Sa, die eine der Marionetten trägt.

„Was macht ihr denn da? Das ist doch Marie. Kinder, ihr wisst doch, dass ihr nicht mit den Marionetten spielen dürft. Wenn etwas kaputt geht, müssen wir es teuer wieder reparieren.“

Papa ist neben sie getreten.

„Kommt bitte einmal zu uns in die Küche. Ja, und jetzt leg Marie auf den Tisch. Und dann möchte ich doch erfahren, was heute los ist? Sim? Sa? Wo sind La und Bim?“

Während er das fragt, sieht er sich Marie an. Irgendetwas fehlt. Sie liegt einfach da. Ohne… Sie hat keine… „Fäden! Ihr habt sie vom Spielkreuz genommen. Jetzt werde ich aber wirklich sauer.“

Doch bevor er weiter schimpfen kann, richtet Marie sich auf und sieht ihn an. Mama sinkt mit einem Seufzen auf einen Küchenstuhl. Papa ist zwei Schritte zurückgetreten. Dann tritt er vor und fährt mit einer Hand über Maries Kopf. Nichts. Keine Schnüre. Er pickst sie in den Bauch.

„Aua. Himmel. Das tut doch weh. Und nein, ich bin keine Marionette mehr. Und ja, ich kann sprechen. Und nein, ich weiß nicht warum.“

„Wer war das? Sim, was hast du gemacht? Wo hast du zaubern gelernt? Du wusstest, dass ich dagegen bin. Und ihr anderen. Ihr wusstet es auch. Warum sprecht ihr denn nicht mit uns?“ Papa rauft sich die Haare. Das hat die Familie noch nie erlebt.

„Gar nichts habe ich gemacht. Wir waren doch in Eutingen. Ihr wisst doch noch, wir haben auf der Hochzeitsfeier von Bürgermeister Brumwald gespielt. Und da war er. Zegeros Lackienen. Er war Gast und er hat sich mit mir unterhalten. Nur mit mir! Und ich habe ihn alles gefragt. Alles, hört ihr. Wie man Zauberer wird. Und was ich machen muss. Und zum Schluss habe ich einen Witz gemacht. Dass er bestimmt die Marionetten lebendig werden lassen kann. Und ich habe gelacht. Und er nicht. Und dann hat er es versucht. Und dann hat sich Marie bewegt. Und dann war er weg.“

„Wie weg?“ Papa Wuchholzki hat sich ebenfalls auf einen Stuhl gesetzt. Alle Kinder sind nun da und in der Mitte auf dem großen Tisch sitzt Marie und…. lächelt.

Familie Wuchholzki beratschlagt sich in der Küche

„Wisst ihr, ich bin nicht wirklich traurig. Ich lebe. Himmel, ich lebe! Keine Fäden mehr. Keine Worte, die ich gar nicht sage. Ich will keine Marionette mehr sein. Ich will nicht in einem dunklen Kasten schlafen. Ich will… Leben. Was auch immer das sein mag.“

Mama Wuchholzki lächelt ebenfalls. „Hast du Hunger? Es ist noch Eintopf da. Mit Fleischbällchen.“

La wird in ihr Zimmer geschickt, um das winzige Puppengeschirr zu holen, das da noch irgendwo im Puppenhäuschen herumliegt. Sie bringt auch das Puppenbett mit und es ist groß genug für Marie. Oder Marie ist groß genug für das Puppenbett. Mama macht eine winzige Menge Eintopf warm. Sim sitzt neben seinem Papa und es ist das erste Mal seit langem, dass sie reden, ohne zu streiten.

„Was machen wir denn jetzt? Muss man das melden? Darf eine Marionette einfach lebendig werden? Was, wenn die Magie woanders fehlt?“ Nach dieser Frage ist Marie erst einmal beleidigt. „Fragt einmal mich. Nicht irgendjemanden!“

Sim will nach Neuditteringen zu den beiden Brüdern. „Das sind ausgebildete Zauberer. Ich will es ja nicht rückgängig machen. Ich will, dass es Marie gut geht und dass nichts passiert.“

Also beschließen alle, außer Marie, morgen noch einmal nach Neuditteringen zu fahren. Marie möchte lieber am Fenster sitzen. Hinaus sehen und staunen. Noch einmal so ein Stück Fleischbällchen essen. Und diese Marmelade, von der alle so schwärmen. Was werden diese Zauberer denn tun? Was, wenn… Jetzt, wo sie ihr Leben entdeckt hat.

Sa und Marie liegen in ihren Betten