Häuschen der Brüder Kadepiedl in Neuditteringen

Teil 1

Hunger

„Peter! Peter, bist du zu Hause?“ Lumer steht im Eingang des kleinen Hauses, das sie gemeinsam bewohnen. Er macht sich nicht die Mühe, ins Studierzimmer zu gehen. Er will in die Küche, weil er Hunger hat und dort seine Neuigkeiten erzählen.

„Wo soll er denn sein? Schrei nicht so“, ertönt eine strenge Stimme von unten. Unten ist nicht der Keller, sondern der Fußboden. Dort steht Waldemar, der grüne Dackel der beiden. Der sieht streng nach oben und Lumer beeilt sich, die Schuhe auszuziehen.

Dabei fällt fast eine große Papiertüte herunter.

„Was hast du denn da mitgebracht?“

Stolz macht Lumer sie kurz auf. Ein Schnitzel, zwei Semmeln und drei Rudpuddlbeerentörtchen sind zu sehen.

„Delfa hat mich genommen. Also. Uns. Eigentlich. Den Okey auch. Wir arbeiten die erste Zeit zusammen, dann wechseln wir uns ab. Und die Reste bringe ich immer mit nach Hause. Dann haben wir gleich etwas zu essen.“

Xander von Krant

„Oh, der Herr Zauberer ist jetzt also Küchenhilfe?“ Eine spöttische Stimme ertönt aus dem Studierzimmer. Es ist Xander. Ein riesiger roter Kater, den die beiden Brüder aus der Zauberuniversität in Alanatur mitgebracht haben. Er kommt näher, nimmt sich eine Rudpuddlbeere und verzieht das Gesicht.

„Wo ist denn Peter?“ Lumer drängt sich an seinen beiden Freunden vorbei und sieht in das Studierzimmer.

„Kunden. Die Stricknadeln sind verloren gegangen und haben nur ein paar Mal gerufen. Jetzt sind sie still und keiner findet sie. Peter muss nachsehen, was mit dem Zauber los ist.“ Xander geht an ihnen vorbei in die Küche. Lumer und Waldemar folgen ihm.

„Er ist außer Haus? Bei Kunden?“ Selbst Waldemar ist überrascht.

„Nun, manchmal muss man zu den Stricknadeln gehen, wenn die Stricknadeln nicht zu einem kommen.“ Xander schaut sie mit seinem typischen Katzengrinsen an.

Waldemar von Ferner Liefen

„Jetzt zeig mal, wie das Schnitzel aussieht. Ich habe Hunger.“ Doch bevor Lumer die Tüte wieder aufmachen kann, nimmt sie Waldemar an sich. „Es wird geteilt. Schnitzel für alle. Ich habe noch Kartoffelbrei. Und als Nachtisch die Törtchen. Ich esse sogar eine Semmel. Wir haben noch Aufstrich.“

Peter, Lumer und Waldemar

Bevor irgendjemand Beschwerde einreichen kann, geht die Haustür auf. Peter ist zurück. Er sieht müde aus. Er zieht seine Schuhe aus, schiebt die Brille zurecht und kommt in die Küche. Er erzählt, dass das Paar, das die Stricknadeln gekauft hat, Streit mit dem Hauswichtel hat. In seiner Wut auf sie hat er die Nadeln in den Garten hinter die Ligusterhecke geworfen. Da konnten sie natürlich rufen, wie sie wollten. Keiner hat sie gehört.

„Und, wie hast du das herausgefunden?“ Lumer sieht ihn erwartungsvoll an. „Ich habe Torf – so heißt der Wichtel – gesagt, dass ich ihn nicht mag.“

Xander lacht laut. „Und das hat er geglaubt?“

„Oh, in dem Augenblick habe ich ihn auch wirklich nicht gemocht.“

Mittlerweile hat Waldemar den Tisch gedeckt. Der Kartoffelbrei riecht appetitlich und das Schnitzel hat er in vier gleich große Teile geteilt und auf die Teller gelegt.

„Ich bin ein Kater. Ich esse nur Fleisch vom Krachkantikus.“ Wütend sitzt Xander auf seinem Stuhl.

„Du isst, was auf den Tisch kommt. Außerdem kannst du dich ja mal eben in einen Menschen verwandeln. Das ist das Gute an Gestaltwandlern.“ Seelenruhig beginnt Waldemar zu essen. Und da alle Hunger haben, tun sie es ihm gleich.

„In einen Menschen verwandeln. Ha! Im Leben nicht.“ Xander murmelt zwischen zwei Bissen vor sich hin.

„Es ist noch Kartoffelbrei übrig. Für die Fleischesser unter uns.“ Waldemar grinst ihn liebevoll an und irgendwie hebt sich die Stimmung.

Es geht aufwärts

Peter fasst den Tag zusammen. Das Schild an der Tür scheint langsam Wirkung zu erzielen. „Zauber aller Art. Zwei Zauberer zaubern für Sie.“

Heute hat er eine leuchtende Rose gezaubert. Ein verliebter Schreiner brauchte sie als Geschenk. Und vorgestern die Stricknadeln. Morgen will die Frau vom Bürgermeister kommen. Ihre automatische Käsereibe fliegt dauernd zum Fenster hinaus. Mit dem Käse. Sie glaubt, dass die Reibe irgendwo Junge hat und sie füttern möchte. Das nützt aber nichts, weil der Bürgermeister seine Nudeln gern mit Käse isst. Nun braucht sie einen „Bleib, Sitz, Steh“-Zauber.

Und Lumer hat nun den Aushilfsjob. Wenn das so weiter geht, sind die Zeiten des Hungers vorbei.

„Halleluja“, ruft Xander. Und Waldemar lacht. „Wenn ich ehrlich bin, kann ich keine Kartoffeln mehr sehen. Aber wir haben noch so viele in der Scheune.“

„Vielleicht finden wir ja das Nest mit den Käsereibenküken. Die könnten wir auch verkaufen. Wisst ihr noch, wie wir in Alanatur das Besteck von Professor Tagemirr gefunden haben? Er hat es nicht einmal vermisst und war so sauer, weil wir es verkaufen wollten.“ Peter nimmt sich ein Stück vom Törtchen.

„Ja, an ihn du Dummer. Deswegen lebe ich heute hier.“ Xander leckt sich ein letztes Mal die Lippen.

Peter, Lumer;Xander und Waldemar beim Abendessen

„Das stimmt nicht. Du lebst hier, weil es mit uns lustiger und ehrlicher ist.“ Waldemar schaut in die Runde.

Und schöner.