Das Gasthaus zum wandelnden Nilpferd

Teil 1

Es ist früher Morgen im Gasthaus zum wandelnden Nilpferd. Es liegt an der Straße zwischen Neuditteringen und Neuerditteringen. Nicht zu verfehlen.

Albertus Kropp feiert hier heute seine fünfzigste Erfindung. Fünfzig einmalige Erfindungen in zwanzig Jahren, wohlgemerkt.

Auf der vom Lehrling etwas unrund gemalten Menükarte stehen drei Speisen. Gemüsesuppe mit besonderer Einlage. Krachkantikusbraten und Rudpuddelbeerentörtchen.

Das beliebteste Gericht im wandelnden Nilpferd ist der Krachkantikusbraten. Natürlich mit Semmelknödeln und Krautsalat. Der Krachkantikus ist ein riesengroßer Pilz, der nur im Moostal wächst. [Moostal – ein weites Tal mitten in den Bastellbergen. Meist hinter den Höhlen zu finden, wenn euch das weiterhilft. Wie, welche Höhlen?] Die großen Braten warten in der Küche. Sie werden heute frisch zubereitet.

Delfa hat am Vorabend noch 35 Rudpuddelbeerentörtchen gebracht. Marianne, die Gruberwirtin, hat schon oft versucht, ihr das Rezept zu entlocken. Nicht einmal: „Unter uns Frauen“, hat genützt. Auch Horst Anton, der Gruberwirt, hat schon den einen oder anderen Krachkantikusbraten rüberwachsen lassen …. Nichts. Kein Rezept.

Die Wirtsleute

Die Suppe ist die erste Prüfung des Kochlehrlings Linus Karbangrossi. Ganz zufrieden sind die Wirtsleute nämlich nicht mit ihm. Er ist so verträumt. Und manchmal, vor allem wenn es ums Putzen geht, einfach nicht auffindbar.

Linus Karbangrossi  Kochlehrling



Unter Tränen hat er geschworen, dass er die beste Suppe, die sie sich nur vorstellen können, kochen wird. Den ganzen gestrigen Tag hat er in der Küche verbracht. Am Ruhetag! Als Marianne einmal hineinschaute, waren im großen Kochtopf nur ein paar einsame Karotten zu finden. Es blitzte auch einmal hell auf, als Horst an der Küchentür vorbeiging. Aber da musste er sich getäuscht haben.

Zumindest roch es aufmunternd.

Am Abend, als Linus schon schlafen gegangen war, schlichen Horst und Marianne in die Küche, um die Suppe zu probieren. Und sie schmeckte unerwartet gut. Glücklich gingen die beiden ins Bett.

„Horst … Horst! Wach auf. Ich habe Knubbel in meinem Mund.“ Marianne richtet sich auf und rüttelt an ihrem Mann. Horst blinzelt verschlafen, setzt sich auf und sieht sie an. Marianne sieht ihn an. Dann schreien beide.

Ihr wisst, wie Vampire aussehen? So sehen sie jetzt aus. Alle beide. Mit besonders großen Exemplaren von Eckzähnen.

„Um Himmels willen“, Horst wackelt an einem seiner Zähne. Es rührt sich nichts. Beide springen aus dem Bett und laufen ins Bad. Der Spiegel offenbart das ganze Grauen.

„Heute ist die Feier. So kann ich doch nicht bedienen“, Marianne schluchzt.

Horst und Marianne sitzen ratlos mit Vampirzähnen am Wannenrand

Sie sitzen am Badewannenrand und überlegen. Dann gehen sie ans Telefon und rufen die Intendantin an.

„Marianne. Warte. Was? Oh. Aber woher habt ihr die denn? Wisst ihr nicht? Und nun braucht ihr Bedienungen. Ja. Ich könnte Treuma, Fino und Raffa fragen. Eigentlich sollten sie mit einem Theater verreisen. Das kann auch noch ein wenig warten. Aber zumindest ein schönes Mittagessen müsst ihr ihnen geben.“

Und so machen sie es. Drei kichernde junge Frauen melden sich pünktlich am frühen Mittag in der Küche und lassen sich unter viel Gepruste und Gelächter einweisen. Es wird eine sehr fröhliche Feier, die vor allem den gut gelaunten Bedienungen zu verdanken ist. Von den Wirtsleuten sieht man ja seltsamerweise nichts. Die Suppe, die wird von allen Gästen in den höchsten Tönen gelobt. So eine gute Suppe hat man noch nie gegessen.