Eine weitere Geschichte aus dem magischen Bastelschrank.
Natürlich klingelt es um Punkt zehn an der Tür. Die Frau Bürgermeisterin hatte sich ja angesagt. Alle Stoßgebete von Peter haben nichts geholfen.
„Himmel, lass die Käsereibe kaputt sein und nie wieder Käse reiben. Bedenke die Frau Bürgermeister mit einem Vergessenszauber…..“ Nichts. Es klingelt.
Da keiner der anderen Anstalten macht, zur Tür zu gehen, tut er es eben selbst. Er öffnet und vor ihm steht die adrette Frau des Bürgermeisters. Sie sieht Peter an und macht ein sehr erstauntes Gesicht.
„Haben Sie etwas machen lassen? Neue Brille? Nein, das ist es nicht. Der Mantel? Nein. Auch nicht. Jetzt weiß ich es. Die Haare. Mensch, das steht Ihnen aber gut. Wo haben Sie das denn machen lassen? Da sollte ich ja direkt auch einmal hingehen. Und diese Farben. Fast könnte man meinen, Sie wären ein anderer Mensch…. Ähm….. Zauberer…“
Hinter Peter hüstelt es. Ein in allen Farben leuchtender, sehr großer Kater steht da.
„Frau Bürgermeister. Welche Ehre. Kommen Sie doch bitte herein. Ja sehen Sie, wir sind hier alle in einen großen Versuch involviert, der bislang hervorragend läuft und uns die von uns beabsichtigte Haarpracht generiert hat.“

Peter tritt sprachlos zur Seite.
Da kommt auch schon Lumer aus seinem Zimmer. Er trägt die Haare offen. Sie sehen ein wenig struppig aus, weil er den ganzen Morgen versucht hat, die Farbe heraus zu waschen. Gekonnt wirft er sie nach hinten und strahlt die Frau Bürgermeisterin an.
„Schauen Sie. Das war harte Arbeit. Seit vielen Abenden sitzen wir zusammen und überlegen, zaubern, erfinden und jetzt, was soll ich sagen, der Durchbruch.“
Die Frau Bürgermeisterin ist begeistert. Sie zieht den Professor neckisch an seinem bunten Schwanz, weil der so wunderschön ist. Der Professor steht stocksteif da.
Aus der Küche kommt ein Quieken.
„Oh, haben Sie ein Ferkelchen? Wo ist es denn?“ Frau Bürgermeister dreht sich suchend zur Küche.
„Nein, natürlich nicht. Da hat unser Waldemar wahrscheinlich eine Pfanne ausgekratzt. Das tut manchmal so.“ Der Professor versucht die Dame ins Studierzimmer zu lotsen. Ohne ihr noch einmal sein Hinterteil zuzuwenden.
Doch die guckt schon in die Küche, wo Waldemar steht. Geistesgegenwärtig hat er einen Schwamm in die Hand genommen. Die Pfanne fehlt, aber das fällt Frau Bürgermeister nicht weiter auf.
„Oh, und Sie sind auch so schön geworden. Da werde ich gleich nach Hause gehen und Fifirella holen. Dann gehen wir zwei im Partnerlook. Fifirella und ich. Was wird sich mein Mann freuen.“
„Frau Bürgermeister, eigentlich sind Sie doch wegen der Käsereibe…“ Peter sieht sie erwartungsvoll an.
Frau Bürgermeister winkt ab. Sie erzählt, dass die Reibe schon wieder weg ist. Ihr Mann isst nun lieber Nudeln mit Käsesoße. Wegen der Reibe käme sie irgendwann einmal vorbei. Aber jetzt gäbe es ja viel Interessanteres. Vielsagend weist sie auch auf ihren großen Freundinnenkreis hin.
Die Haustür schließt sich und vier Freunde stehen verdattert im Studierzimmer.

„Wir hätten keine Geldsorgen mehr.“ Lumer streicht sich gedankenvoll durchs Haar.
„Das wäre endlich die Geschäftsidee, nach der wir schon so lange suchen.“ Xander hat schon einen Stift und Papier zur Hand.
„Weiß einer von Euch, wie lange dieser Zauber hält?“ Waldemar sieht fragend in die Runde.
„Wir wissen doch nicht einmal, was genau passiert ist. Ist noch etwas im Kessel?“ Alle gehen in die Küche.
Und ja, da ist noch etwas von der mühselig gezauberten Flüssigkeit im Kessel. Sie sieht nicht mehr sonderlich appetitlich aus. Der Spruch im Zauberbuch ist vollgekleckst und unleserlich.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragt Peter besorgt.
In diesem Augenblick klingelt es. Sturm. Es klopft auch. Also eigentlich hört es sich eher an, als hämmere jemand an die Tür.
Peter steht auf und geht zur Tür. Der Friseur des Dorfes Neuditteringen steht wutschnaubend davor.
„Was erlauben Sie sich? Wie können Sie annehmen, hierher zu ziehen und Ihre schmierigen Finger in anderer Leute Geschäfte zu stecken? Haare sind seit drei Generationen das Business der Familie Stilling. Wir waschen, schneiden und färben. Als einzige in diesem Dorf! Wenn Sie die Haare der Frau Bürgermeister auch nur anfassen, bekommen Sie es mit mir zu tun!“

Sprach’s und dreht sich um. Peter schließt die Tür. Er kommt in die Küche.
Waldemar fängt an, den Kessel sauber zu machen. Als sie ihn genauer betrachten, bemerken sie, dass er ein wenig grüner geworden ist.
Auch Xander wird zusehends röter. Gedankenverloren leckt er an seiner roten Pfote. So regenbogenfarben war … eigentlich schon schön.
Der Zauber scheint an Macht zu verlieren.
Auch Peter und Lumer verlieren an Farbe.
„Schade eigentlich.“ Lumer sieht Peter an.
Es klingelt erneut und drei rundliche, freundliche Damen stehen an der Tür. Als sie Peter sehen, fragen sie sofort nach dem richtigen Zauberer. Dem, mit den tollen Haaren.
„Das … Ähm … Ich bin’s. Also, der Richtige. Ich habe mich nur … Also …“
Peter schweigt.
Die Damen sehen ihn befremdet an. Ihre Freundin Petra hatte doch im ganzen Dorf von den tollen Haaren erzählt. Und dass sie hier in Neuditteringen jetzt endlich die Mode angeben würden. Jetzt hieß es hier: „Je oller, umso toller!“ Und das würde ihnen allen gut tun.
„Meine Damen. Meine Damen. Die Experimente sind ja noch lange nicht abgeschlossen. Und solange müssen Sie leider, leider warten. Wir müssen uns natürlich auch mit Ihrem Haus-und-Hof-Friseur verständigen. Zockerias Stilling ist natürlich auf alle Fälle mit im Boot. „Allein um … um … zu gewährleisten …“, dass Sie schöner werden als jemals zuvor. Das liegt jetzt im Bereich des Möglichen. Wobei Sie eigentlich schön sind. Natürlich. Wir werden uns melden, sobald alles fertig ist.“ Xander lächelt freundlich in die Runde.
Betrübt ziehen die Damen ab.

„Sagt mal.“ Waldemar sieht an sich herunter. „Eigentlich hätte ich ja jetzt wieder braun sein müssen. Oder?“