Weiter geht es mit der Magie aus dem magischen Bastelschrank
„Du willst nicht noch einmal mit uns sprechen, oder?“ Peter steht im Studierzimmer vor dem Totenschädel.
„Himmel, Bruder, das ist nur Plastik. Wir hatten halt Glück, so etwas zu sehen. Magie, in ihrer Reinform. Weißt du, was mich eher wundert? Zegeros war genauso überrascht wie wir alle. Er hat das nicht vorausgesehen. Und das, wo er doch sonst alles voraussieht.“ Lumer lacht.
„Und dann hat er versucht, uns den Schädel abzuluchsen. Für richtig viel Geld. Aber keiner von uns wollte den Schädel hergeben. Also kein Geld. Da hilft dein Job im Café. Und ich mache dafür noch den Auftrag mit der widerspenstigen Kaffeemaschine fertig. Manchmal frage ich mich, warum wir Zauberer geworden sind.“
„Weil Zauberer sein einfach cool ist. Heute kommt übrigens Isobel ins Café. Und erst zum Ende meiner Schicht. Vielleicht trinken wir dann noch eine Tasse Kaffee und gehen ein wenig spazieren.“ Lumer strahlt und seine Ohren sind ein wenig röter geworden.
„So kannst du heute nicht gehen. Nimm den anderen Anzug. Ich habe ihn diese Woche gewaschen. Übrigens hat die Waschmaschine Urlaub angemeldet.“ Waldemar ist kurz ins Zimmer getreten.
„Was? Wieso Urlaub? Waschmaschinen machen keinen Urlaub. Und was hast du denn mit meinem Anzug? Den trage ich jetzt schon seit zwei Wochen und ihr hattet nichts auszusetzen.“
„Genau.“ Waldemar dreht sich schon wieder um und geht.
„Unsere Waschmaschine macht jedes Jahr Urlaub. Wusstest du das nicht? Meistens kommt dann eine Vertretung. Einen Monat nicht waschen, das ginge ja gar nicht. Wobei…“ Peter sieht Lumer abwägend an.
„Ha, ha. Ich mag einfach dieses schöne Muster und die Farbe. Warum soll man etwas anziehen, was man nicht mag? Der andere Anzug war ein Billigangebot. Weißt du noch?“
„Oh, ich erinnere mich. Du warst wochenlang zutiefst am Boden zerstört. Weil die schöne Amanda nur mit einem Zauberer ausgehen wollte, dem man ansieht, dass er Zauberer ist. Da hat die selbständige Kuchenform auch nichts geholfen. Warum hast du ihr die eigentlich geschenkt?“ Peter grinst.
„Da war doch der Kuchen drin. Ich wusste ja nicht, dass unsere Kuchenform jeden Montag einen Marmor- und jeden Samstag einen Nusskuchen bäckt. Selbständig. Und freiwillig. Jetzt bäckt Waldemar wieder selbständig. Den scheußlichen Anzug hatte ich übrigens von ihm. Weil der viel billiger war als der Sternenmantel, den ich so gerne gehabt hätte. Amanda hat mich mit Anzug gesehen und die Tür wieder zugemacht. Die Kuchenform hat sie behalten. Mit Kuchen.“
„Wir hätten versuchen können, den Anzug umzufärben. Aber Waldemar hat ‚Nein‘ gesagt. Kein Farbzauber mehr in diesem Haus. Nicht einmal Xander traut sich, zu widersprechen.“
„Und was, wenn Isobel mich sieht und nicht mehr mit mir spazieren gehen möchte?“
„Und was, wenn Isobel dich riecht und nicht mehr mit dir spazieren gehen möchte?“
„So schlimm ist das jetzt auch nicht“, meint Lumer, nachdem er an sich gerochen hat. Aber dann geht er sich umziehen. In einer Stunde beginnt seine Schicht und bis zum Café am Rande des dunklen Waldes muss er durch Neuditteringen und am See entlang. Meistens fährt er mit seinem alten Rad. Und manchmal fliegt er auch damit. Aber in letzter Zeit ist es unwillig und versucht auch öfter, ihn abzuwerfen. Vielleicht hat es auch irgendwo Schmerzen? Unter dem Sattel? Oder tun die Reifen weh? Früher ist er ganz andere Strecken mit ihm gefahren oder geflogen.

An der Haustür ruft er deshalb noch: „Wenn du einmal Zeit hast, musst du dir Ferdinand ansehen. Ich fürchte mich mittlerweile schon, wenn ich mit ihm unterwegs bin!“
Doch heute scheint ein guter Tag. Ferdinand steht an seinem Platz und sieht richtig gut gelaunt aus. Natürlich nur, soweit Lumer das bei einem Fahrrad beurteilen kann. Fahrradschlösser braucht man in Neuditteringen nicht. Niemand würde es wagen, sich auf ein fremdes Rad zu setzen. Die Unfallgefahr ist zu groß.
Lumer tritt eifrig in die Pedale. Sein Anzug schimmert in allen Regenbogenfarben und er merkt, dass einige Leute auf der Straße sich nach ihm umdrehen. Jemand lacht. Genau das hat er erwartet und denkt mit Groll an die schöne Amanda. Ferdinand macht einen leichten Bocksprung und es lupft Lumer aus dem Sattel. Doch er fängt sich wieder, hält sich fest und fährt verbissen weiter.
„Hallo, Zauberer! War das wieder ein Experiment oder soll das so?“ Natürlich steht da die Frau Bürgermeisterin, die ihnen nie so ganz geglaubt hat, dass sie keine Haare färben können. Und wo steht sie? Neben Zockerias Stilling, dem Friseurmeister. Der grinst überaus freundlich.
Lumer winkt und versucht noch ein Lächeln, doch Ferdinand macht noch einen Bocksprung und ist schon in der Luft. Verzweifelt hängt Lumer nun seitlich an der Fahrradstange. Um nicht runterzufallen, umfasst er die Stange mit beiden Händen. Den Lenker bekommt er so nicht zu fassen. Es gelingt ihm aber, sein Bein wieder über die Stange zu heben, und er hievt sich mühselig in den Sattel.
„Wo fliegst du denn hin, verflixt noch einmal? Hör auf jetzt, ich breche mir noch alle Knochen.“

Das scheint ein wenig zu wirken, denn Ferdinand bewegt sich nun zielstrebig und ruhig durch die Luft. Der dunkle See kommt in Sicht und dahinter liegt das Café. Plötzlich, mitten über dem Wasser, bremst Ferdinand. Lumer, der damit nicht gerechnet hat, kann sich nicht mehr halten und plumpst kopfüber ins Wasser. Es platscht und das Fahrrad fliegt allein zum Café und an den Platz, der für Fahrräder vorgesehen ist. Dort steht es nun ganz brav.
Als Lumer wieder Luft bekommt, halten ihn mehrere Hände fest. Er niest und reibt sich das Wasser aus den Augen. „Du bist das, Oki. Danke, also heute war es knapp. Er hat mich einfach abgeschmissen.“

Der kleine Oktopus Okey Posi, Kollege und Freund von Lumer, schwimmt mit ihm zum Steg am Café. Dort steht auch schon Delfa und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Lumer, was um alles in der Welt machst du? Das hat so gefährlich ausgesehen.“
Lumer steht noch ein wenig wackelig auf den Beinen. Er sieht an sich hinunter. Der Anzug! Die Farben sind weg und er ist grau! Ein hübsches, dunkles Grau. Delfa und Oki gehen neben einem strahlenden Lumer her. Der darf sich Kochhose und Shirt ausleihen, bis seine grauen Sachen trocken sind. Seine besonders gute Laune verstehen seine Freunde zwar nicht, aber sie haben ihn ja auch nicht vor dem „Unfall“ gesehen. Und als kurz vor Feierabend eine Hexe ins Café kommt, gibt es heiße Schokolade und einen leckeren Toast zum Abendessen. „Du, draußen bei den Fahrrädern hat mich gerade eines richtig angestrahlt. Komisch, oder?“, sagt Isobel.
