Natürlich wieder eine Geschichte aus dem magischen Bastelschrank
„Isobel! Isobel Faranzha! Erscheine!“
Ein hochgewachsener Mann um die fünfzig, mit langem weißen Bart und einem wallenden, mitternachtsblauen Sternenkittel steht vor der Tür zum Haus von Isobel. Da sie gerade im Garten Kräuter geschnitten hat, steht sie nun ein wenig ratlos hinter ihm.
„Oh, hallo. Jeder, der hier etwas von mir möchte, klingelt einfach. Dort. Das ist die Klingel. Man drückt drauf.“
„Aha. Ja… Das habe ich nicht erwartet. Du bist doch eine Hexe?“
„Durchaus. Ich bin die Kräuterhexe des dunklen Waldes. Verrätst du mir deinen Namen?“
„Ich bin Zegeros. Zegeros Lackienen. Der große Lackienen.“ Zegeros hat sich strahlend zu ihr umgedreht, die Sterne auf seinem Kittel schimmern beifällig in allen Farben.
Isobel stellt den Korb mit Kräutern auf den Tisch neben der Treppe und schiebt sich an ihm vorbei zur Haustür. Die öffnet sich und sie ruft hinein.
„Kloe? Wir haben Besuch. Wo bist du denn?“
Eine große Elster hüpft aus einem der Zimmer. „Kundschaft?“ Und ganz leise: „Wir können es gebrauchen. Ich habe gerade deine Einnahmen überprüft. Wer ist es denn?“
„Ein Zauberer. Zegros Lackbiene, glaube ich.“ Isobel findet, dass er nicht wie ein Zauberer aussieht. Ihr Vater, ein Zauberer des Westens, trägt meistens Jeans, Hemd und Jacke.
„Zegeros Lackienen! Ihr müsst mich doch kennen? Praktisch jeder kennt mich. Und… Ähm… Es gibt sogar Abziehbilder von mir.“
Eine Hexe und eine Elster sehen ihn ernst an.

„Hast du Schmerzen?“ Isobel prüft mit dem Handrücken die Temperatur an seiner Stirn.
Zegeros macht erbost einen Schritt zurück. „Es ist eine Ehre, wenn ich jemanden aufsuche. Und die Leute messen mir bei meinen Besuchen nicht die Temperatur. Man wagt es nicht, mich anzufassen.“
Isobel hebt beide Hände und tritt einen Schritt zurück.
„Was möchtest Du denn bitte? Oder ist das hier ein Scherz?“ Kloe will eigentlich an ihm vorbei und auf die offen stehende Haustür hinauf fliegen, verfehlt aber ihr Ziel und hält sich ächzend an Zegeros Schulter fest.
„Das ist eine… Unverschämtheit.“ Der Zauberer sieht nun wirklich fertig aus.
Isobel schüttelt den Kopf. „Kloe fliegt nicht mehr so viel wie früher. Gut, dass du dort gestanden hast. Aber dir geht es wirklich nicht gut, nicht wahr? Ich könnte eine Tasse Tee gebrauchen. Ihr nicht auch?“
Die drei gehen in die gemütliche, kleine Küche.
Während Isobel Tee kocht, knackt Kloe ein paar Sonnenblumenkerne. Nur die Geräusche des brodelnden Wassers im Teekessel und das Knacken sind zu hören. Von den Holzbalken an der Decke hängen getrocknete Bündel aus Thymian und Rosmarin. Ein würziger Duft liegt in der Luft. Zegeros hat sich auf einen Stuhl am Fenster gesetzt und schließt die Augen.

Isobel sieht Kloe fragend an. Doch die zuckt nur die Schultern. Isobel gießt den Tee in die Tassen und stellt eine vor Zegeros und eine vor Kloe ab. Dann setzt sie sich und nimmt einen großen Schluck aus ihrer Tasse. „Du willst uns nicht erzählen, was dich bedrückt, oder?“
Der Zauberer macht langsam die Augen auf. „Sie wissen, dass ich das war. Sie haben mir geschrieben. Eine Topfnachricht. Und dann auch noch ein alter… Bekannter. Wir mochten uns nicht. Gar nicht. Dabei habe ich nichts gemacht. Nur, seitdem halte ich mich versteckt. Nicht, dass noch einer denkt, ich hätte etwas gemacht. Aber diese Marionette, die lebt jetzt. Keine Ahnung warum. An mir liegt es nicht.“
„Warte mal. Du hast eine Marionette lebendig werden lassen?“ Kloe sträuben sich die schwarz-weißen Federn.
„Nein, verflixt noch einmal. Gar nichts habe ich gemacht. Ich habe nur so getan, als ob. Was passiert denn mit Zauberern, die aus Versehen jemanden lebendig gemacht haben? Oh Himmel. Wo soll ich nur hin?“
„Also… Du tust nur so, als ob du zauberst? Das ist ja ein Ding. Das kann ich mir gar nicht leisten. Wenn jemand mit großen Schmerzen zu mir kommt, kann ich schlecht nur so tun als ob. Magie hilft da schon. Nicht immer, aber meistens.“
„Das ist etwas ganz anderes. Du bist ja nur eine Hexe. Ich aber bin Zauberer. Mit Zertifikat und abgeschlossenem Studium an der Magieruniversität in Alanatur. Ich bin den Tiefen der Magie auf der Spur. Ich weiß oft genau, was passieren wird.“
Kloe lacht laut. „Diesmal hast du nicht genau gewusst, was passieren wird. Dann sag doch einfach, dass du es nicht warst.“
Zegeros sieht sie wehleidig an. „Doch, ich wusste, dass die Marionette lebendig wird. Es war leicht zu sagen, dass ich das gezaubert habe. Wenn ich jetzt sage, dass ich es gar nicht war, was werden denn dann die Leute sagen?“
„Ich verstehe. Wobei. Eigentlich verstehe ich nicht.“ Isobel sieht ihn fragend an.
„Ich verdiene mein Geld damit. Das ist ja nicht verboten. Ich mache ja nichts Schlimmes.“ Zegeros schüttelt den Kopf.
„Und warum bist du jetzt hier? Du hast wahrscheinlich einen Plan, oder?“

„Naja, also, du könntest doch sagen, dass du einen dunklen Zauber gewoben hast. Und weil er dir praktisch aus deinem Labor entkommen ist und einfach irgendwo selbständig und ohne Begrenzung gezaubert hat, ist eine Marionette lebendig geworden und Zegeros hat Schlimmeres verhindert.“ Man sieht dem Zauberer an, dass er sehr stolz auf seine Idee ist.
„Zegeros, warum sollte ich das denn tun? Ich bin die Hexe des dunklen Waldes. Die Leute kommen mittlerweile gerne zu mir und niemand hat Angst vor mir. Ansonsten habe ich gar kein Labor.“
„Was würde denn für uns dabei herausspringen?“, fragt Kloe.